Kopftuch und Kruzifix

24. September 2003 | Von | Kategorie: Gesellschaft, Politik

Das NT lehrt in den Paulinischen Briefen, I Korinther 11,3-16: „Ihr sollt aber wissen, daß Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt.
Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die entehrt ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren. Will sie sich nicht bedecken, so soll sie doch das Haar abschneiden lassen! Weil es aber für eine Frau eine Schande ist, daß sie das Haar abgeschnitten hat oder geschoren ist, soll sie das Haupt bedecken.“Und auch für orthodoxe Jüdinnen ist es unschicklich das Haupt zu entblößen. Der Rabbiner Dr. Menachem M.Brayer (Professor für biblische Literatur an der Yeshiva University) schreibt, daß es bei jüdischen Frauen Sitte war, den Kopf zu bedecken, wenn sie das Haus verliessen, ja manchmal sogar das ganze Gesicht, wobei nur ein Auge frei blieb. Das rabbinische Gesetz sagt, das Aussprechen von Segenswünschen und Gebeten in Gegenwart von verheirateten Frauen mit entblößtem Haupt verboten sei, da das unbedeckte weibliche Haar als Nacktheit betrachtet wird.Bedeuten Kopftuch- und Kruzifix-Urteil, dass Unterricht von Nonnen, Priestern und Pfarrern im Habit an deutschen Schulen nicht mehr möglich ist? Gilt dies auch für sehr gläubige Christinnen, die z.B. aus Polen, Griechenland, Spanien oder auch aus einer ländlichen, deutschen Region stammen. Sind auch christliche Ausbildungen z.B. in Pflegeberufen in Krankenhäuser und Hospizen davon betroffen? Ist an einer Öffentlichen Schule neben Christus am Kreuz auch die Darstellung der Heiligen Maria mit Kopftuch zu beseitigen?Wie sollen nach diesem Urteil die o.g. Lehren des Alten und Neuen Testaments eingehalten werden?Vielleicht hilft hier doch weiter die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 24.09.2003(BvR 1436/02) zu Ende zu lesen: „Eine Regelung, die Lehrern untersagt, äußerlich dauernd sichtbar ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft oder Glaubensrichtung erkennen zu lassen, ist Teil der Bestimmung des Verhältnisses von Staat und Religion im Bereich der Schule. …. Ein tolerantes Miteinander mit Andersgesinnten könnte hier am nachhaltigsten durch Erziehung geübt werden. Dies müsste nicht die Verleugnung der eigenen Überzeugung bedeuten, sondern böte die Chance zur …gegenseitigen Toleranz,….. um so einen Beitrag in dem Bemühen um Integration zu leisten….. [Zu einer Dienstpflicht] die es Lehrern verbietet, in ihrem äußeren Erscheinungsbild ihre Religionszugehörigkeit erkennbar zu machen, …. [bedarf es] einer ausdrücklichen gesetzlichen Regelung, weil eine solche Dienstpflicht in verfassungsmäßiger – unter anderem mit Art. 33 Abs. 3 GG vereinbarer – Weise nur begründet und durchgesetzt werden kann, wenn Angehörige unterschiedlicher Religionsgemeinschaften dabei gleich behandelt werden.“Ein Verbot von religiösen Symbolen ist also nicht nötig und im Sinne der Integration und des toleranten Miteinanders mit Andersgesinnten auch kontraproduktiv.Bleibt zu hoffen, dass auch die verantwortlichen Politiker die Entscheidung ganz lesen und danach handeln.

Nachtrag: Nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg in seiner Entscheidung vom November 2009 noch die Religionsfreiheit durch Kruzifixe in Klassenzimmern verletzt sah, urteilte nun die Große Kammer am 18.3.2011 entgegengesetzt: Durch Kruzifixe in Klassenzimmern seien keine Grundrechte verletzt – weder das Recht auf Bildung, noch das Recht auf Religionsfreiheit. Die damalige Position war, dass es den Eltern die Freiheit nehme, ihre Kinder nach ihren philosophischen Überzeugungen zu erziehen. Dies sei nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass nunmehr die Große Kammer entschied, dass der Staat zwar bei der Gestaltung des schulischen Umfelds auch die weltanschaulichen Überzeugungen der Eltern achten müsse. Es ließe sich aber nicht beweisen, „ob ein Kruzifix an der Wand eines Klassenzimmers einen Einfluss auf die Schüler hat“. Zudem hätten die Richter dem Staat einen Beurteilungsspielraum zugebilligt, wenn es um den Stellenwert der Religion geht, sofern es zu „keiner Form der Indoktrinierung“ komme.

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2 Kommentare auf "Kopftuch und Kruzifix"

  1. […] griff ich dieses Them auf zitierte Paulus am 24. September aus den Korinther-Briefen in Kopftuch und Kruzifix,  schrieb am 4. Oktober über Trennung von Staat und Kirche und berichtete am 4. Dezember über […]

  2. […] griff ich dieses Thema, auf zitierte Paulus am 24. September aus den Korinther-Briefen in Kopftuch und Kruzifix,  schrieb am 4. Oktober über Trennung von Staat und Kirche und berichtete am 4. Dezember über […]